Wir nähern uns Afrika

Die Abfahrt aus Kapstadt liegt 16 Tage und 1600 Kilometer zurück. Eine gebrochene Achse, 10 platte Reifen, eine gerissene Kette, Warzenschweine, Antilopen, Affen, Straußen, Schlangen, die Namib Wüste, 50 Grad Celsius, der zweitgrößte Canyon der Welt, und ein Hintern der nach Gnade schreit. Crazy, was man in so kurzer Zeit erleben kann. Aber fangen wir ganz vorne an.

 

Nachdem wir uns am Bahnhof in München verabschiedet haben, und damit auch schon den bittersten Moment unserer Reise hinter uns gebracht haben, sind wir am 16.10.2016 von Wien nach Kapstadt geflogen.

Unser Blick aus dem kleinen runden Flugzeugfenster fiel genau auf die Strecke, die wir mit dem Fahrrad zurücklegen wollen. Da dämmerte uns langsam das Ausmaß unserer Tour. Tausende von Kilometern und stundenlang. Weit und breit Sand, ein gelber Kontinent. Aus 10.000 Metern Höhe sieht alles gleich aus. Alle zwei Minuten bedeuten im Flieger einen Tag im Sattel, man sieht auf einen Blick ungefähr 15 Tagesetappen, über die man einfach hinwegrauscht.

Kapstadt hat keine schöne Altstadt oder besonders schöne Alleen zum flanieren. Kapstadt ist für sein pralles Leben, gute Küche, und stylische Bars berühmt – eingebettet in Sandstrände und Tafelberg, umgeben von einem Meer an Wellblechhütten, den Townships.

Ziemlich genau das haben wir dann auch ausgenutzt, wir sahen zwar wegen unserer eingeschränkten Garderobe aus wie Müll, unser Ausgehoutfit unterschied sich vom Radfahroutfit auch nur darin, dass wir den Hut abgenommen haben, aber wir haben trotzdem verständnisvolle Leute kennengelernt, waren gut essen und haben uns die Nächte um die Ohren geschlagen. Um Afrika wirklich ganz zu durchqueren sind wir noch mit dem Bike zum Kap der guten Hoffnung gefahren, wo sich Indischer Ozean und Atlantik treffen. Endlos lange Sandstrände, Möwen über dem Meer, Pinguine und fette Seehunde die sich in der Brandung den Ranzen bräunen. Nettes Sonntagsprogramm eigentlich.

 

Am 25.10. sind wir angemessen verkatert auf’s Bike gestiegen und die ersten Kilometer Richtung Norden gefahren.

Das Gefühl war ein Mix aus Aufregung, Respekt und Freiheit. Vor uns lag ein ganzer Kontinent, und nach der langen Vorbereitung war es geil, endlich zu starten. Jeden Tag an einem anderen Ort schlafen, Kulturen, Wildnis, Menschen, Einsamkeit. Wir verlassen Kapstadt auf Radwegen. Wahrscheinlich die letzten,die wir in Afrika sehen werden. Bei jedem Blick über die Schulter wird der Tafelberg kleiner, wir radeln noch zusammen mit ein paar Südafrikanern die eine Tagestour machen, bis sie irgendwann umdrehen, um zum Abendessen zuhause sein zu können. Für uns geht’s weiter, bis Sonnenuntergang, wir sind motiviert. Es geht los und das ist ein geiles Gefühl. Africaalive.

Nachdem wir den ganzen Tag gefahren sind, haben wir abends bei einer Farm geklopft, um zu fragen, ob wir irgendwo auf ihrem Grund pennen können. Der Mann, der uns aufgemacht hat, hat uns auf seine eigene Art gastfreundlich eingeladen dort für die Nacht zu bleiben: „Yeah, i don’t care, do whatever you want, but shut the fuck up and just don’t get on my nervs“.

Er hat sich aber als ziemlich geiler Typ herausgestellt, weil er uns später sogar in sein drei Sterne Gästezimmer inklusive Pizza eingeladen hat.

An der Westküste Südafrikas sind wir durch goldene Getreidefelder, viele Wineyards und die Zederberge gefahren, haben Vogelstrauße am Wegesrand gesehen, und sind durch kleine, eher unspektakuläre Dörfer gekommen.

Ein Beispiel für unspektakuläre Dörfer ist Garies. Ist gar nicht so als hätten wir von Garies viel erwartet, wir wollten eigentlich nur was zu snacken und einen Platz zum knacken. Garies hat leider den Absprung von dem kleinen afrikanischen Dorf, in dem alle gemeinschaftlich rumsitzen, Bier trinken und dummschwätzen in die Industrie versucht, ist aber irgendwo dazwischen traurig verkommen.

Irgendjemand hat hier mal eine Ladung Beton hingekotzt, und man sieht immer noch gelegentlich Menschen, die wie Zombies durch die Straße wandeln, normale Menschen halten in Garies nur an um zu tanken oder sich zu erschiessen, und dass der einzige Laden, der sonntags auf hat, der Liquor Store ist, zeigt, was Grundvoraussetzung für ein Leben in Garies ist.

Selbst auf die einfachsten Fragen z.B. wo denn eine Toilette ist, wurden wir angeschaut als ob wir grade nach dem nächsten Planetarium gefragt hätten.

Mit anderen Worten: Garies ist eine absolute Katastrophe und Geburtsort der Depression. War uns aber egal. Wir waren nach 120 Kilometern total abgekämpft und es war so heiß, dass wir Angst hatten, dass das Fahrrad anfängt zu brennen. Also haben wir uns ein kleines Zimmer mit Elektroherd gegönnt.

Der Elektroherd hat dann zwar wirklich angefangen zu brennen, aber da muss man in Garies wohl einfach drüber stehen.

 

Von solchen Dörfern gab es auf unserer Strecke tatsächlich einige, aber dieser Eindruck steht weder für unsere Strecke, und schon gar nicht für Südafrika als Ganzes. Die Landschaft sah von den Sandstränden über die landwirtschaftlichen Gebiete wie im mittleren Westen der USA bis zur bergigen Weinregion Cederbergs einfach aus wie gephotoshopt.

 

 

 

Die Temperatur ist jetzt von Tag zu Tag gestiegen, weil wir uns der Namib Wüste genähert haben und weil der Sommer auf der Südhalbkugel gerade erst im Kommen ist. In der Region will man auch im Winter mittags nicht auf dem Bike sitzen, aber im Sommer ist das eine noch größere Spaßbremse. Bei 46,1 Grad sind wir über die namibianische Grenze gerollt.

Langsam wurde uns klar, dass Südafrika echt Kindergarten war. Relativ dicht besiedelt, Wasser kein Problem und die Temperaturen waren mit bis zu 40 Grad eigentlich auch noch einigermaßen erträglich.

Außerdem hatten die Straßen einen fetten Standstreifen und waren super in Schuss, Letzteres liegt aber wahrscheinlich hauptsächlich daran, dass beim afrikanischen Straßenbau nichts dem Zufall überlassen wird. Einer arbeitet, und dessen Arbeit wird durch die kritische Beobachtung von mindestens fünf drumherumstehenden Bauarbeitern auf den Prüfstand gestellt.

Better be safe than sorry.

In Namibia dagegen ist der Straßenverkehr die absolute Katastrophe. LKWs und Autos halten beim überholen keine Armlänge Abstand. Wenn sich zwei LKWs entgegenkommen passen höchstens noch zwei zerquetschte Fahrradfahrer dazwischen und wir mussten mehr als einmal aus Gründen der Existenzsicherung von der Straße springen. Wenigstens verstehen die Namibianer in Sachen Alkohol am Steuer keinen Spaß. Als wir abends feiern waren, wurde die Regel: „wer fährt trinkt heute nur Shots“ eisern befolgt, alles andere wäre fahrlässig.

 

Schon an der Grenze hat sich mal wieder gezeigt, dass sich einiges verändern würde. Die Leute waren noch hilfsbereiter als in Südafrika, Autos haben gestoppt und uns Wasser angeboten, Pickupfahrer hätten uns direkt bis Windhuk aufgeladen, was wir aber ablehnen mussten, weil das Ziel unserer Fahrradtour nicht ist, mit dem Fahrrad möglichst weit zu trampen.

Außerdem waren die Menschen freundlich, sogar die Grenzbeamten, in deren Job es ja normalerweise primär darum geht schlechte Laune zu verbreiten und unfreundlich zu sein. Anders hier in Namibia, wo wir mit Sonnenbrille in den Grenzposten gelaufen sind, weil das strahlende Lächeln der Grenzbeamten uns sonst geblendet hätte.

Wir nähern uns Afrika.